Schubladendenken

Nun ist er vorbei, der letzte Tag als Integrationskraft. 1 1/2 Jahre habe ich ein Kind mit der Diagnose Asberger-Autismus im Schulalltag begleitet. Als ich 2021 damit anfing, hatte ich überhaupt keine Ahnung was auf mich zukommen würde. 
Die Diagnose Asberger-Autismus kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Lehrbuch meiner Ausbildung zum HP Psych. Ich weiß noch, dass ich im ICD-10 nachschaute, welche Kriterien zur endgültigen Diagnose nötig sind und mir ausmalte wie das Kind sein musste. 
Klares Schubladendenken – das System gibt auch irgendwie vor. Irgendwelche Kriterien müssen ja auch für eine Diagnose festgelegt sein. Denn sonst gäbe es keine Unterstützung.

Als ich Peaches, so nenne ich im Weiteren Verlauf mal meinen Schützling, dann kennenlernte, kam meine erste Erleuchtung.
Hätte ich die Diagnose nicht gekannt, hätte ich nicht gewusst dass es eine gibt. 
Ein ruhiges Kind, durchaus freundlich und etwas schüchtern.  Aber hey, mal ehrlich, wären wir nicht alle in einer solchen Situation schüchtern? Stellt euch vor, da kommt diese fremde Frau in mein Zuhause und quasi steht und fällt alles mit der Sympathie ob es zu einer gemeinsamen Arbeit kommt oder nicht. Der erste Eindruck, das erste Aufeinandertreffen entscheidet alles. 
Wir wussten damals beide, dass wir den Weg gemeinsam gehen und so kam dann irgendwann der erste Schultag. 

Während der Zeit in der Schule kamen bei mit viele Erinnerungen hoch. Erinnerungen an meine Schulzeit. Erinnerungen, welche ich total verdrängt hatte.  
In den letzten 1 1/2 Jahren konnte ich viele Themen aus der Schulzeit aufarbeiten, einfach deswegen weil ich wieder diesem ganz bestimmten Setting ausgesetzt war. Zwar in einer anderen Rolle, aber im Klassenraum musste ich trotzdem sitzen.
Ich möchte fast behaupten, dass ich nun durch diese vergangene Zeit erst richtig mit der Schule und der damit verbundenen Zeit des Heranwachsens abgeschlossen habe. Irgendwie bin ich nun erwachsen geworden.  Die Zeit hat mir geholfen, mich selbst zu finden. Peaches war nicht ganz unbeteiligt an diesem Prozess. Dafür bin ich unglaublich dankbar. 

Tatsächlich habe ich bei Peaches und mir viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Ich glaube, ich hätte als Kind auch eine Schulbegleitung gebrauchen können, aber damals gab es das noch nicht. 
Einen Motivator, jemanden an meiner Seite, der versteht wenn ich nicht weiter weiß und mich unterstützt wenn ich es brauche. Jemand der sagt: „Es ist okay, wenn du das Spiel nicht mitspielen möchtest. Es ist okay, wenn du anders bist und nicht der Norm entsprichst.“

Wenn ich heute an mich vor dieser Zeit der Schulbegleitung zurückdenke, schüttle ich ein wenig den Kopf über mich. Was habe ich denn gedacht was mich erwartet?! Die Diagnose „Autist“ ist doch kein Urteil über diejenige Person! Wie soll man denn sein als Autist? Außerirdisch? 
Nur weil in einigen Bereichen Defizite festgestellt werden?
Jetzt könnte ich noch anfangen  darüber zu sprechen wann etwas überhaupt ein Defizit ist. Eine Abweichung von der Norm. Wer sagt denn wie die Norm zu sein hat? 
Manchmal bewundere ich Peaches. Peaches hält sich zwar vorbildlich an die allgemeinen Regeln, aber der Norm entspricht Peaches deswegen nicht. Und das möchte Peaches auch nicht. 
Vielleicht ist das Leben als Autist, das Leben mit einer Diagnose über Abweichungen von der Norm, einfacher und glücklicher. Von dir wird dann nicht 100 Prozent Leistung erwartet, du machst die Dinge so wie du sie kannst und wirst dafür gelobt. Du machst die Dinge die dir Spaß machen, denn warum solltest du deine Energie für etwas verbrauchen was du gar nicht möchtest? 
Das Leben als Autist hat aber auch seine Schattenseiten. An manchen Tagen habe ich Peaches bemitleidet. Ich hätte Peaches gerne den Kampf um seinen Platz in der Normgesellschaft erspart. Es ist ein riesiger Kraftaufwand sich in diese Gesellschaft zu integrieren, vor allem wenn du im Grunde ganz anders über die Dinge denkst. Du musst dich den Herausforderungen der Norm stellen und sie meistern um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. 

Mich als Mensch, hat die Zeit der Schulbegleitung auf verschiedenen Ebenen geprägt. Dass ich die Möglichkeit hatte alte Schulthemen aufzuarbeiten ist nur der kleinste Teil. 
Ich habe vor allem gelernt keine Vorurteile mehr zu haben. Nicht mehr in Schubladen zu denken.
In uns stecken die verschiedensten Persönlichkeitsanteile, manche ausgeprägter, manche schwächer. Manche autistisch, manche hyperaktiv und manche auch mit Aufmerksamkeitsdefiziten. 
Wenn jeder einmal ehrlich zu sich selbst ist und sich seine Gefühle und auch Gedanken eingesteht, würde sich unsere Gesellschaft zu einer besseren Gemeinschaft entwickeln. Kein Schubladendenken mehr. Keine Vorurteile mehr.
Mehr gegenseitige Akzeptanz. Im Prinzip verfolgen wir nämlich alle das selbe Ziel: Glücklich und zufrieden zu leben.

 



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